Liebe Sandra, lieber Ali,
ich möchte Euch beiden einfach mal den Verlauf meiner letzten Woche schildern. Ihr könnt gerne alles was ich hier schreibe benutzen und auch veröffentlichen.
Lustiges zum Einstieg
Am Montag stand ich mit einem sehr gut gelaunten Gefühl auf. Ich dachte sofort positiv. Ich fuhr zur Arbeit, nun muß man wissen, dass der Weg durch ein absolutes Nadelöhr auf der Autobahn führt, das vor allen Dingen Montags und erst recht zwischen Ostern und Pfingsten völlig verstopft ist und ca. 10 Km Stau bedeutet. Ich habe einfach nur gedacht: "Heute komme ich super durch". Ich hatte fast keinen Stau. Auch der Rest der Woche verlief ähnlich.
Abends wollte ich eine Session machen, fühlte mich aber irgendwie blockiert, hatte dann plötzlich einen (nicht beschleunigten) aber sehr intensiven Herzschlag und wieder diese seltsame Unruhe bekommen. Es zeigten sich nicht die positiv "unsinnigen" Bilder, sondern völliger Blödsinn. Ich machte die Augen auf und wusste spontan was die Ursache war: Ich hatte vergessen die Blumen in unserer Wohnung zu gießen, sie hatten schon 8 Tage lang kein Wasser mehr. Nachdem ich die Blumen gegossen hatte, wurde mein intensiver Herzschlag wieder normal. Erstaunlich, denn mindspeed hat - wie jedes gute Produkt - dann wohl auch positive Abfallprodukte.
Hauptthemen
Die Situation in meiner Firma ist folgende: Wir machen seit 2 Jahren Verluste in Millionenhöhe, so dass ABB - unser Mutterkonzern - uns jetzt verkaufen möchte und zwar an 2 Firmen, die dann auch unser Geschäft - Flughafen Software - weiter betreiben möchten. Diejenige Firma, zu der ich soll, hat einen Anfahrtsweg von ca. 80Km was dann etwa 30 Km mehr bedeuten als jetzt und statt der 45min Anfahrt - da noch weitere kritische Stellen auf der Autobahn - 1,25-1,5 Stunden einfachen Weg bedeuten.
Zusätzlich haben wir derzeit ein recht zeitkritisches und mit 1 Mio. Euro Konventionalstrafe versehenes Projekt am Flughafen Hannover in dem ich technischer Projektleiter bin. Sollte dieses Projekt platzen, ist auch der Verkauf an die oben genannten Firmen geplatzt, denn wir hätten dann auf dem Markt die maximal schlechtesten Referenzen und das bedeutet Schließung, denn wir sind dann für die genannten Firmen unattraktiv, mit anderen Worten alle 50 Mitarbeiter sitzen auf der Straße.
In den vergangenen Monaten hatten wir bis an den Rand der Verzweiflung mit diesem Hannover Projekt zu kämpfen, dem Kunden war nichts recht, und die Rückabwicklung schwebte ständig über uns. Wochenendarbeit und tägliche Überstunden waren angesagt.
Diese Woche waren die Abnahmen für den Probebetrieb am Flughafen Hannover. Ich habe am Montag zu allen beteiligten Kollegen gesagt: "Wir sind bestens vorbereitet, so gut wie noch nie zuvor, alle Testdokumente und Belastungstests liegen vor es hat auch eine Generalprobe stattgefunden. Wir müssen einfach jetzt auch einmal Vertrauen in unsere Arbeit haben". Unser System ist derartig komplex, dass ein neuer Mitarbeiter ca. ein halbes Jahr braucht, bis er sich halbwegs auskennt. Die Abnahme fand Montag, Dienstag und Mittwoch statt. Alle 4 Abnahmeprotokolle wurden positiv unterzeichnet und der Probebetrieb freigegeben. Nach 24 Stunden Probebetrieb fand ein Meeting statt, in dem der Kunde zu Protokoll gab, dass alle Anwender 100% zufrieden seien. Ich hatte die beiden letzten Tage wieder mehr Zeit, Ruhe und keinen Stress mehr, obwohl noch Kleinigkeiten und Fehlerchen aufgetaucht waren, die nicht weiter tragisch sind.
Weiterhin haben wir in Singapur ein Projekt angeboten, unser Produkt präsentiert und auch probeinstalliert. Der heute kommunizierter Stand der Verhandlungen mit dem Kunden ist folgender. Wir werden nach der Preiseinigung den Auftrag höchstwahrscheinlich bekommen. Begründung: Das Produkt ist entgegen der Konkurrenz wesentlich flexibler und konfigurierbarer, da wir die Geschäftsprozesse des Kunden sehr flexibel in der Software abbilden können. Hintergrund hierzu: Ich habe vor zwei Jahren ein Modul definiert, das quasi als Regelwerksmodul die Geschäftsprozesse eines Flughafens für die Abfertigung extrem flexibel abbilden kann. Ich hatte während wir dieses Modul in 1,5 jähriger Arbeit realisierten erhebliche und harsche Kritik geerntet, warum alles so komplex und aufwändig angelegt sei und man es doch sicher einfacher, kleiner und unkomplizierter aufsetzen hätte können. Ich ließ mich dennoch nicht beirren. Diese Kritik musste ich monatelang ertragen. Nun ist genau dieser Teil und zwar genau wegen der irren Komplexität ausschlaggebend dafür den größten Auftrag, den wir je hatten zu bekommen. TOLL, das geht runter wie Öl!! Ist es "Zufall" dass so was genau in der Woche nach der Wiederholung von mindspeed entschieden wird? Ich denke NEIN! Ist es "Zufall", dass das Modul bereits seit einem Jahr fertig ist und genau diese Woche diese Nachricht kommt ?
Zweite Information heute auch zu diesem Projekt: Unser Chef hat uns heute eine mail eines ABB Vorstandsvorsitzenden vorgelesen in der er zu einem Gespräch Stellung nahm, das er mit dem Chef der Flughafens Singapur und damit unserem direkten potentiellen Auftraggeber geführt hat. Der Chef dieses Flughafens sagte aus, dass unser Produkt das beste auf dem Markt sei. So ein direktes Lob hat dieser ABB Chef in seiner Laufbahn noch nie gehört und hat sich gefragt, warum wir eigentlich zum Verkauf stehen, wenn doch so ein gutes Produkt existiert.
Gleichzeitig hat der potentielle Käufer des Teils unseres Unternehmens, in den ich übernommen werden sollte auch heute abgesagt. Er kauft uns nicht mit. Das war eine fantastische Erleichterung für mich. Damit muss ich nicht mehr 30Km weiter zur Arbeit fahren. Das hätte erhebliche familiäre Umstellungen bedeutet: Ich hätte mitten in der Nacht aufstehen müssen, um die Staus auf der Autobahn zu umgehen. Ich hätte meine Familie weniger gesehen etc.. Jetzt scheint es als sei unsere Muttergesellschaft ABB wieder im Spiel, da wir das aktuelle Hannoverprojekt (mein Projekt) gut in den Probebetrieb gebracht haben und dem gesamten Markt wieder beeindruckt haben, sowie einen neuen Millionenauftrag quasi in der Tasche haben und damit plötzlich wieder sexy sind.
Es ist erstaunlich wie sich existentielle und wie oben beschrieben sehr komplizierte und verzahnte Sachverhalte innerhalb einer Woche so deutlich zum Positiven ändern. Zufall? Sicher nicht.
Viele liebe Grüße
Matthias
